Duisburg – Strafe einer anderen Macht?
Es war also eine Strafe Gottes, die Katastrophe der Loveparade in Duisburg. Eva Hermann meint das, die Publizistin des einschlägig bekannten Kopp-Verlags. „Vielleicht haben hier ja auch ganz andere Mächte eingegriffen, um dem schamlosen Treiben ein Ende zu setzen“.
Eigentlich sollte man gegen so viel Dummheit nicht schreiben. Denn ob die Frau naiv oder ihrem religiösen Wahn verfallen ist, kann kaum jemand entscheiden. Aber religiöser Wahn ist fast immer mit Volksverhetzung gepaart. Religiöser Wahn mit reaktionärer Haltung gepaart ist immer menschenverachtend.
Eva Hermann weiß genau, was sie tut. Sie inszeniert (vor allem ihre) Meinungen geschickt medial, ohne Rücksicht auf all jene, die jetzt zu Hunderten trauern. Um Tote, fröhliche und zukunftsorientierte junge Menschen aus aller Welt. Menschlichkeit ist dieser Frau völlig fremd bei denen, die nicht ihre reaktionären Vorstellungen teilen. Dabei will sie doch alle zu einer menschlichen Gesellschaft bekehren.
Widerlich ist das alles in meinen Augen auch deshalb, weil ich als Vater einer 17-jährigen Tochter über Stunden in Ängsten war, an jenem Samstag. Ich danke (allerdings einem anderen als Eva Hermanns) Gott und war selten so froh, meine weinende Tochter an jenem Abend spät in die Arme schließen zu dürfen. Sie hat miterleben müssen, was dort in dem Tunnel geschah. Und sie ist entkommen. Gott sei Dank!
Das Perfide an der medialen Selbstdarstellung der offenbar emotional eingeschränkten Publizistin ist auch, dass mit der Verschwörungstheorie einer göttlichen Strafe eine genaue juristische Aufarbeitung nebensächlich wird. Schuld wird religiös überhöht und so der klaren Aufarbeitung entzogen. Eva Hermann hat sich entschuldigt für ihre Ausfälle. Aber selbst diese Entschuldigung ist Teil dieser Inszenierung in der Auseinandersetzung mit der Bildzeitung. Nicht mehr und auch nicht weniger. Ob die Angehörigen der Toten, die nicht wie ich ihre Söhne und Töchter wieder haben dürfen, das auch so verstehen werden?
Ich habe ja auch meine Zweifel am Sinn und Verlauf einer Pop-Rave-Techno- und was weiß ich noch alles für Partys. Ich finde es auch mehr als geschmacklos, dass neben den Toten und Verletzten die Party weiterging. Das junge Leute sich zudröhnen, unter Drogen abhängen und dabei auch aggressiv werden. Inwieweit wir dabei von Kultur sprechen sollten – alles eine Frage der Diskussion und der unterschiedlichen Meinungen.
Junge Menschen aller Länder und aller Kulturen feiern, tanzen, überschreiten Grenzen, geraten in Ekstase, lieben in unterschiedlichster Art und Weise. Dass sie es in möglichst geschützten Räumen tun können, sich entfalten und auch Verantwortung übernehmen lernen – das ist eine Frage der Zeit, der Würde und der Freude am Leben, die alle teilen müssen.
Wir, die so genannte freie Gesellschaft, haben es ihnen zu ermöglichen und dabei die Grenzen zu ziehen. Das aber ist eine Frage der Gerechtigkeit und der Freiheit und damit auch gegen die Kommerzialisierung der Feste wie der Loveparade gesagt. Veranstalter und Politik sind verantwortlich für die Katastrophe, keine „andere Macht“. Für Christenmenschen, die sich der eigenen Fehlbarkeit noch bewusst sind, ist es am Ende eine Sache der Begegnung mit dem Lebendigen, der Auferstehung von den Toten und der Hoffnung, dass am Ende auch die Dummheit in der Weisheit Gottes aufgehoben sein wird.


