Ungehört – Unerhört! Zum nicht vorgelesenen Wort der Kinder und Jugendlichen auf dem UN-Klimagipfel in Rio de Janeiro im Juni 2012

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Wer das Wort der Jugendlichen zum Scheitern der RIO+20 – Konferenz gelesen hat, wird noch wütender als es normal empfindende Menschen schon sind. Die jungen Leute hatten eine so genannte Major Group gebildet, sie haben sich schlau gemacht und reingekniet, einige von Ihnen jahrlang. Am Ende wurden sie ausgebootet, ferngehalten vom Abschluss. Ihre Erklärung durften sie nicht verlesen, sie hätten keine Stimme, hieß es.

So viel Überheblichkeit, so viel Ignoranz und eine so elende Verabsolutierung des rein finanziellen Wachstums waren wohl nie. Umwelt, Natur, Menschen, Schutz, Tiere, Zukunft? Sind offenbar alles Fremdworte bei denen, die heute über unser Leben bestimmen, sprich unsere (in Europa zumindest) gewählten Regierungen. Eine widerliche Arroganz der Macht, kalt demonstriert. Völlig unempfindsam gegenüber den wahren Problemen dieser Zeit. Die Worthülsen, die auch deutsche Vertreter in die Luft abließen, sind nichts als reine PR-Aktionen. Viel Gerede, keine Entscheidungen.

Der Gott des Wachstums breitet sich aus – hemmungslos und offenbar ohne jedes Verantwortungsbewusstsein. Ein Zirkus erster Güte war das, was die UNO da inszeniert hat. Wie verdränge ich die drängenden Fragen der Zukunft so wirksam, dass  zwar alle drüber berichten, aber keiner sich festlegen muss. Dieses Kalkül ist nicht aufgegangen. Es gibt zu viele Verlierer. Die Menschen in den Ländern des Südens allemal, die indigenen Völker, aber auch die Anwohner der Meere weltweit. Die abhängig sind von den Früchten ihrer Felder wissen nur zu gut, was die Klimaveränderungen bei ihnen anrichten, schon heute. Sie alle haben mit Rio+20 verloren und wir mit ihnen.

Gewinner sind in diesem Fall lediglich die Airlines, die die Wichtigtuer der Regierungen durch die Luft geflogen haben, Business natürlich oder First, damit sie ihre Luftschlösser bauen können.

Freilich: Die Wut, die in den jungen Menschen angesichts dieses aufgeblasenen und überflüssigen Nichtstuns aufsteigt, geht offensichtlich einher mit lebendigen Begegnungen, wie sie so intensiv vor allem junge Leute erleben können, ein starkes Zeichen der Hoffnung. Ausdrücklich sagen sie selbst noch in ihrer Abschlusserklärung, dass sie getanzt, gefeiert und geweint haben. Emotionen auf einem UN-Gipfeltreffen als Zeichen, dass doch nicht alles verloren ist? Man könnte es als jugendliche Überschwänglichkeit abtun, aber was sie sagen, deckt sich mit dem Urteil von Fachleuten. Vandana Shiva, die Grande Dame der Ökoaktivistinnen weltweit, nennt Natur, Kultur und Zukunft als die entscheidenden Bereiche, in denen die drängenden Fragen beantwortet werden müssen.

So sind diese jungen Leute selbst Hoffnung für alle, die dort in Rio wieder einmal versagt haben – und für uns. Sie kritisieren polemisch und noch mit (viel zu viel) Augenmaß, doch mit der notwendigen Schärfe und Klarheit. Aber sie schmollen nicht. Sie sagen den gefräßigen Vertretern unserer Regierungen den Kampf an: „Wenn also irgendjemand von Ihnen meint, dieses Dokument (sc. das Abschlussdokument von Rio+20) sei das ambitionierte und handlungsorientierte Ergebnis, das sie erreichen wollten – dann stehen Sie jetzt bitte auf (kurze Pause)…. Wenn Sie nicht aufstehen können, dann müssen sie unfähig sein, voranzugehen. Also werden wir für Sie vorangehen… Sie haben versagt, sich von den nationalen und Eigeninteressen zu befreien. Und Sie haben versagt, die Notwendigkeit anzuerkennen, dass wir viel größere und transzendentere Grenzen respektieren…. Wo war unsere Stimme? Wo waren die Stimmen unserer Kinder und Enkel in diesem Beschluss?“

Diese Entschlossenheit ist ansteckend: „Also werden wir für Sie vorangehen!“ Es wäre schön, wenn das ungehörte Wort der Jugend von Rio+20 weit verbreitet würde. Denn die jungen Leute geben uns oft sogar fachlich äußerst fundierte Perspektiven an die Hand. Fragt sich nur, ob wir ihren Zukunftswillen ernst nehmen – und mitgehen.

Martin Domke