Ein Kommentar von Martin Domke

Vor ein paar Tagen hatte ich hier ja „unseren“ Knast erwähnt. Das war zwar ein wenig despektierlich, aber auch in einem ganz anderen Zusammenhang!

Und jetzt das: „Wir“ haben es auf die Seite der Tagesschau gebracht! Exklusiv! Dass ich das noch erleben darf! Aber die Sache ist natürlich ernst. Es geht um eine jener zahlreichen Gruppen unserer Gesellschaft, die in den letzten Monaten allzu leicht vergessen wurden und werden.

Um das zu verstehen, muss man wissen: Die meisten der hier wohnenden Insassen sind im so genannten offenen Vollzug. Das bedeutet, sie werden langsam und professionell auf ihre Wiedereingliederung vorbereitet, natürlich immer mit entsprechenden Hilfsangeboten. Ich habe vor ein paar Jahren selbst einen solchen Menschen begleitet und mit anderen versucht, ihm eine Perspektive zu verschaffen. Eine soziale Einrichtung in meinem Umfeld hat mich dabei unterstützt, was angesichts der Geschichte alles andere als selbstverständlich war. Ich weiß also zumindest rudimentär was da auf einen zukommt.

Vor allem aber habe ich gelernt, wie fragil diese ganze Konstruktion sein kann, wenn an irgendeiner Stelle was schiefläuft. Wer kann sich wirklich in einen Menschen hineinversetzen, dessen Leben durch einen Gefängnisaufenthalt grundlegend aus den Fugen geraten ist und der nun irgendwie wieder klarkommen muss. Wer kann die Ängste und den Frust begreifen, die Wut oder auch die Verletztheit? Wer weiß wie „anhänglich“ einer sein kann, der monate-, oft jahrelang nur unter schwierigen Bedingungen Kontakt zu anderen hatte?

Und wie abhängig davon, dass er (in seltenen Fällen sie) auf Leute trifft, die ihn in die Selbständigkeit begleiten und auch ihrerseits erst einmal davon ausgehen, dass das auch klappt.

Das alles ist jetzt durch Corona natürlich noch mehr gefährdet als sonst. Wie können so genannte „Resozialisierungsmaßnahmen“ hinter einer Maske oder rein digital funktionieren? Wie die so wichtigen Besuche bei der Familie und umgekehrt? Wird Corona dafür sorgen, dass noch mehr Beziehungen zerbrechen und Menschen noch mehr in den Suizid gehen wollen?

Bewerbungsgespräche können seit über einem Jahr nicht wahrgenommen werden, in den jeweiligen Wellen glichen die Zustände in manchen Einrichtungen einer Isolationshaft.

Man muss sich das im Einzelnen und sehr genau vorstellen, was mit welchen Menschen dort geschieht. Ich kenne Justizvollzugsbeamte, die trotzt vielerlei Frust ihren Job als erfüllend erleben, wenn ihre „Klienten“ wieder Fuß gefasst haben. Ihnen sind jetzt auch durch etliche strenge Anweisungen die Hände gebunden. Die meisten von ihnen sind übrigens auch noch nicht einmal geimpft. Sie wurden bei der Priorisierung schlicht übersehen. 

Egal, wie das im Einzelnen läuft, worum es mir hier eigentlich geht:

Wir werden nicht nur an dieser Stelle in den kommenden Monaten sehr genau hinsehen müssen, welche Folgen die z.T. ja durchaus zu Recht kritisierten Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie für welche Menschen haben, aber auch wo sie uns wirklich geholfen und genützt haben. Erst wenn es uns gemeinsam gelingt, unser Augenmerk darauf zu richten und ebenso gemeinsam die vielen Wunden zu heilen,  die in dieser Zeit viele verletzt haben, wird sich für uns uns die Chance auftun, als menschliche und verlässliche Gesellschaft zu neuer Stärke zu finden.

Da kann hin und wieder so ein schlichter Satz helfen, wie Menschen ihn seit Jahrtausenden gen Himmel schicken: Du bist ein Gott, der mir hilft!

Kleiner Nachklapp: Die Berichterstattung ist nicht nur deshalb so toll, weil sie „unseren Knast“ erwähnt. Sie zeigt deutlich, was wir auch in Zukunft dringend brauchen: Unabhängigen Journalismus und öffentlich-rechtliche Sender. Anders werden wir das Alles nämlich nicht schaffen.  Muss schließlich auch mal gesagt werden...

zurück zur Listenübersicht

Fürbitten-Anmeldung